Auswirkungen sozialer Medien auf die psychische Gesundheit?

Mehr Blickwinkel. Mehr Überblick. Mehr Verständnis.

4 Perspektiven

Zuletzt aktualisiert am 18.09.2026

Wir schauen 88x pro Tag auf das Smartphone - unbewusst!

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AlleSeiten: Frau Dr. Katzer, herzlichen Dank, auch im Namen unserer Community, dass Sie Ihre Expertise mit uns teilen. Ihr Schwerpunkt liegt auf Cyberpsychologie sowie Medien- und Jugendforschung; fachlich kommen Sie aus Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Sozialpsychologie. Über die Auswirkungen sozialer Medien auf die psychische Gesundheit haben wir bereits mit drei Expertinnen gesprochen: mit der in München tätigen Sozialwissenschaftlerin Frau Dr. Beranek, mit der Diplompsychologin Dr. Ilona Bürgel und mit der Wirtschaftspsychologin Frau Prof. Fauth-Bühler. Welchen Blickwinkel möchten Sie ergänzen? Was sollte die Gesellschaft besonders beachten?

Dr. Catherine Katzer: Mein Blick richtet sich auf die gesamte Veränderung, die digitale Nutzung, Smartphones und Social Media mit uns als Individuen und als Gesellschaft bewirken. Der digitale Raum wird aus meiner Sicht immer mehr zu einem Koordinatensystem für unser Denken, unser Handeln und unsere Gefühle. Damit ist er auch zu einem neuen Sozialisationsmedium geworden.

Die analoge Welt – Freunde, Familie, Schule und Arbeit, also all das, was uns im Alltag begleitet – wird durch digitales Erleben ergänzt. Zum Teil werden wir davon sogar deutlich stärker beeinflusst: von dem, was wir in sozialen Medien sehen, erleben und selbst tun, und davon, wie wir dort agieren. Ich glaube, wie weit dieser Einfluss reicht, haben wir in den vergangenen Jahren etwas aus dem Blick verloren.

AlleSeiten: Woran lässt sich diese Veränderung im Alltag erkennen?

Dr. Catherine Katzer: Betrachten wir uns einmal von außen als „Homo digitalis“: Wie oft zücken wir unser Smartphone und schauen nach, was in den sozialen Medien passiert, wer mit uns interagieren oder uns ansprechen möchte? Im Durchschnitt geschieht das 88-mal am Tag. Damit spreche ich noch nicht von Vielnutzern.

Wenn wir alle zehn bis fünfzehn Minuten beinahe automatisch nachsehen, weil wir das Gefühl haben, es sei etwas passiert, entwickelt sich schleichend eine Art Cyber-Automatismus. Ohne großes Bewusstsein dafür entstehen neue Verhaltensweisen. Zugleich binden sich unsere Emotionen stärker an das Digitale. Wir verwachsen gewissermaßen mit dem Smartphone.

Es gibt interessante Studien, die beschreiben, dass Menschen das Gerät wie einen Teil ihrer Hand empfinden und eine Art Phantomschmerz erleben, wenn sie es vergessen oder verloren haben. Wir entwickeln eine regelrechte emotionale Bindung: Mit dem Smartphone und der Verbindung zu Social Media fühlen wir uns sicherer.

Umgekehrt kann das Stressempfinden stark steigen, wenn das Gerät fehlt oder die Akkuladung auf Rot steht und kein Ladekabel verfügbar ist. Wir werden nervös, bekommen Angst, entwickeln eine Nomophobie, also Angst davor, ohne Mobiltelefon zu sein, oder eine „Fear of Missing Out“, die Angst, etwas zu verpassen. Wir fürchten, nicht mehr mit anderen verbunden oder in der digitalen Welt gar nicht vorhanden zu sein.

Schon eine Akkuladung kann unser Wohlbefinden beeinflussen: Ich stehe morgens auf, das Smartphone ist nicht geladen, und ich denke, der Tag könne gar nicht gut werden. Daran zeigt sich, wie stark wir gedanklich und gefühlsmäßig mit einem virtuellen Raum verbunden sind. Dass dies vielfältige Auswirkungen auf unsere Psyche und mentale Gesundheit hat, liegt nahe. Entscheidend ist deshalb, die einzelnen Aspekte genauer zu betrachten.

AlleSeiten: Welche Aspekte sind Ihnen dabei besonders wichtig?

Dr. Catherine Katzer: Aktuell fallen mir drei Aspekte besonders auf. Zunächst geht es um Persönlichkeit und Identität. Ich würde sagen, es entwickelt sich eine Art digitaler Narzissmus. Sie hatten zu Beginn bereits angesprochen: Wer im Netz nicht auffindbar ist, scheint überhaupt nicht zu existieren. Wenn ich jemanden kennenlerne, die Person google und nichts finde, kommt mir das merkwürdig vor. Gibt es diese Person überhaupt?

Man muss offenbar im Netz präsent sein, um wahrgenommen und von anderen eingeschätzt zu werden. Gleichzeitig nutzen wir Social Media zur Bildung unserer Persönlichkeit und Identität. Wir vergleichen uns: Was machen andere? Wie leben sie? Wie lebe ich selbst?

Solche Vergleichsprozesse betrachten wir in der Sozialpsychologie sehr genau. Wir brauchen sie auch, um voranzukommen und zu fragen: Wie arbeite ich, und wohin möchte ich? Über soziale Medien werden diese Vergleiche jedoch derart potenziert, dass sie uns teilweise nicht besser oder glücklicher, sondern unglücklicher machen.

AlleSeiten: Wie passt dazu, dass Menschen digital so stark miteinander verbunden sind?

Dr. Catherine Katzer: Das Spannende ist: Wir sehen die Generation Z als die einsamste Generation, die wir bisher hatten. Dabei könnten wir über Social Media mit Millionen Menschen verbunden sein und alles mitbekommen, was diese tun. Das Gefühl, dazuzugehören, entsteht dadurch aber nicht automatisch.

Digital verbunden zu sein bedeutet nicht, sich menschlich wohlzufühlen und als Teil einer Gemeinschaft zu erleben. Wie wir früher schon gesagt haben: Digital allein reicht nicht. Das menschliche Moment und die körperliche, physische Anwesenheit anderer Menschen sind für unsere Psyche und mentale Gesundheit besonders wichtig.

Gerade bei Kindern und Jugendlichen, die stark mit Social Media verbunden sind, sehen wir deshalb kritische Entwicklungen in der Persönlichkeits- und Identitätsbildung. Es geht dabei nicht nur um die eigene Person. Über soziale Medien werden auch Werte und Einstellungen vermittelt: Wie bin ich mit der Gesellschaft verbunden? Welche Werte sehe ich, und welche werden transportiert?

AlleSeiten: Welche Entwicklungen beobachten Sie bei diesen Werten und Rollenbildern?

Dr. Catherine Katzer: Wenn wir auf die jungen Nutzer schauen, insbesondere auf Jungen und junge Männer, sehen wir im digitalen Raum derzeit einen starken Antifeminismus und Maskulinismus. Dort werden sie teilweise in eine Richtung gedrängt, die unserer Gesellschaft eigentlich nicht entspricht: Frauenfeindlichkeit und ein klassisches Männerbild werden propagiert. Männer müssten stark sein, dürften nicht weinen und müssten auch einmal Gewalt anwenden, um sich durchzusetzen.

Das sind Einstellungen, die gesellschaftlich rückwärtsgewandt sind. Trotzdem werden sie über Social Media vermittelt. Wenn wir soziale Medien betrachten, müssen wir deshalb diese unterschiedlichen Formen der Beeinflussung mitdenken.

AlleSeiten: Welche weitere Entwicklung bereitet Ihnen Sorgen?

Dr. Catherine Katzer: Neben der Persönlichkeit finde ich das neue digitale Suchtverhalten besonders wichtig. Es wird teilweise durch die Mechanismen sozialer Medien gesteuert: durch Algorithmen und durch die Auswertung unseres Verhaltens im Netz. Auf dieser Grundlage wird uns die eigene Meinung immer wieder zurückgespiegelt.

Wir beobachten problematische Entwicklungen und Entwicklungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen, aber auch entsprechende Probleme bei Erwachsenen. Diese Mechanismen können uns in ein Suchtpotenzial hineinmanövrieren. Mittlerweile zeigt etwa ein Viertel der Jugendlichen ein riskantes Social-Media-Verhalten.

In österreichischen Studien wurde untersucht, wie Mädchen und Jungen ihr eigenes Verhalten beurteilen. Dabei bezeichneten sich 30 Prozent der Jungen und sogar 40 Prozent der Mädchen selbst als süchtig nach Social Media. Das ist ihre eigene Einschätzung.

Kinder und Jugendliche erleben Kommunikationsdruck und nehmen ihn auch als solchen wahr. Sie merken, dass etwas nicht stimmt, können sich dem aber kaum entziehen. Wenn sie nicht auf Social Media agieren, fürchten sie, nicht zur Gruppe zu gehören und Außenseiter zu sein. Dieser Kommunikationsdruck und digitale Stress haben in den vergangenen Jahren besonders bei jungen Menschen stark zugenommen und wirken sich sehr negativ auf sie aus.

AlleSeiten: Welche Rolle spielen das Alter der Kinder und die Begleitung durch Erwachsene?

Dr. Catherine Katzer: Nicht ohne Grund wird weltweit darüber diskutiert, Social Media für unter 16-Jährige zu verbieten oder einzuschränken. Fragt man ältere Jugendliche danach, sagen manche: Für uns möchten wir das nicht, aber für die ganz Jungen finden wir es eigentlich gut.

Wenn ein Achtjähriger auf TikTok mit Themen in Berührung kommt, die er nicht einordnen kann, braucht er Bezugspersonen. Häufig wissen Eltern aber weder, wie sie damit umgehen sollen, noch, was ihre Kinder im Netz überhaupt erleben und sehen. Wenn auch die Schule kein wichtiges Bezugssystem bietet und die Themen dort nicht besprochen werden, bleiben Kinder mit ungeeigneten Inhalten allein.

Die Präventionsarbeit haben wir in Deutschland in den vergangenen Jahren aus meiner Sicht stark vernachlässigt: Was macht Social Media mit der Persönlichkeit und der Entwicklung? Wie beeinflusst es Kinder und Jugendliche?

Hinzu kommt das Leben im Dauerkrisenmodus, eigentlich seit Corona. Es hat gerade bei Kindern und Jugendlichen eine stärkere Nutzung sozialer Medien ausgelöst. Diese intensive Nutzung wird zugleich stärker als schädlich empfunden, auch von den Jugendlichen selbst, als wir zuvor angenommen hatten.

Wenn sie am Wochenende teilweise zehn Stunden am Tag Social Media anschauen, merken sie irgendwann gar nicht mehr richtig, was sie tun. Der Prozess läuft unbewusst, während sie auf der anderen Seite spüren, dass er ihnen nicht guttut. In diesen Automatismus können wir alle hineinrutschen. Er beeinflusst uns in vielerlei Hinsicht negativ, besonders psychisch.

Gerade neuere Social-Media-Angebote und Livestreaming-Formate wie TikTok haben einen starken Einfluss auf Kinder und Jugendliche. In den vergangenen Jahren sehen wir einen deutlichen Anstieg psychischer Gesundheitsprobleme, darunter Persönlichkeits- und Entwicklungsstörungen sowie Depressionen, und zugleich eine verstärkte Nutzung. Das ist eine Entwicklung, die wir genauer betrachten müssen.

AlleSeiten: Vielen Dank für diesen ersten Überblick. Darin liegen mehrere Ambivalenzen: Einerseits scheint man Smartphone und soziale Medien zu brauchen, um dazuzugehören. Andererseits erleben wir Einsamkeit in einer neuen Dimension. Parallel zur Debatte über toxische Männlichkeit, in der das Männliche teilweise zurückgedrängt zu werden scheint, entsteht eine Übermaskulinisierung – vielleicht als Reaktion darauf. Wir hatten schon über Schwarz und Weiß statt Grautöne gesprochen. Ist diese Ambivalenz selbst das Problem, oder sind es einzelne Eigenschaften sozialer Medien und Smartphones?

Dr. Catherine Katzer: Ich glaube, wir müssen beides sehen. Häufig nehmen Menschen diese Ambivalenzen gar nicht richtig wahr. Wir unterliegen teilweise einem „Overconfidence Bias“: Wir überschätzen uns im Umgang mit den Medien und vor allem unsere Kontrollfähigkeit.

Wenn Sie Menschen fragen, wie lange sie Social Media nutzen, unterschätzen viele die Zeit deutlich. Sie denken, es sei nur eine Stunde gewesen. Tatsächlich waren sie fünf Stunden online und haben überhaupt nicht bemerkt, wie lange sie gefesselt waren.

Wir brauchen deshalb ein viel stärkeres digitales Bewusstsein für unser eigenes Verhalten: Was nutze ich? Wie agiere ich? Wie häufig tue ich das? Und vor allem: Was tut mir gut, und was tut mir nicht gut?

AlleSeiten: Wie lässt sich dieses Bewusstsein entwickeln?

Dr. Catherine Katzer: Ich empfehle eine Art digitales Logbuch: Welche Apps benutze ich wann, wie und wie oft? Manchmal staunt man darüber, wie viel man tatsächlich nutzt, obwohl es sich gar nicht nach so viel angefühlt hat.

Dann fällt vielleicht auf, dass man in anderen Bereichen deutlich gestresster ist, Konzentrationsfähigkeit verliert oder Kontakte zu Freunden vernachlässigt. Die Familie sagt: Du ziehst dich zurück, du bist gar nicht mehr richtig da. Auch auf den Beruf und das berufliche Umfeld kann sich das auswirken.

Wir müssen uns diese Ambivalenzen bewusster machen und fragen: Was passiert mit mir? Wie oft schaue ich auf das Smartphone? Zeige ich vielleicht eine Verhaltensweise wie das „Phantom-Schauen“? Ich sehe nach und stelle fest: Es ist gar nichts passiert. Der vermeintliche Anlass war eine Illusion. Ich werde von innen heraus zum Nachsehen getrieben und bin darauf konditioniert, obwohl es keine Nachricht gibt.

Dann kann ich ausprobieren, das Smartphone nicht am Körper zu tragen und es nicht sichtbar liegen zu lassen. Auch wenn es ausgeschaltet auf dem Schreibtisch liegt, kann es ablenken und die Konzentration auf das verringern, was ich gerade tue. Mit solchen kleinen Veränderungen kann ich prüfen, wie sich meine Situation verbessert.

Wir müssen selbst experimentieren: Was macht die Nutzung mit mir, mit uns als Gesellschaft und mit unseren Freundschaften? Das haben wir noch nicht ausreichend gelernt. Wir sehen Veränderungen, benutzen die Geräte, und vielfach wird uns gesagt, wir müssten sie nutzen. Sie haben auch viele Vorteile. Dann kommen die negativen Befunde hinzu: Wir verändern uns, unsere Konzentrationsfähigkeit verändert sich. Damit müssen wir umgehen lernen.

AlleSeiten: Was geschieht, wenn wir Denk- und Problemlöseprozesse zunehmend ins Digitale verlagern?

Dr. Catherine Katzer: Ich spreche in diesem Zusammenhang auch vom „Brain-Drain-Effekt“. Bestimmte Gehirnareale benutzen wir nicht mehr und sie können sich zurückbilden. Das heißt nicht, dass sie für immer verschwunden sind. Aber bestimmte Fähigkeiten, etwa solche, die für Intelligenz und mathematisches Denken wichtig sind, wenden wir weniger an und vernachlässigen sie.

Wir konzentrieren uns auf das Digitale und meinen, künstliche Intelligenz könne das besser lösen. „Dr. Google“ findet schnell eine Antwort. So versuchen wir, unsere Probleme in den digitalen Raum zu verschieben, weil wir dort innerhalb von Sekunden Lösungen bekommen. Dabei können wir Problemlösefähigkeit im realen Umfeld verlieren.

Wir sehen Menschen, die mit anderen zunehmend in Konflikte geraten. Bei Kindern und Jugendlichen zeigt sich das teilweise besonders stark. Auch Aggression nimmt zu, wenn die Kommunikationsfähigkeit im analogen Raum abnimmt.

Diese Veränderungen müssen wir erfassen, sichtbar machen und auch an uns selbst erkennen: Hier verändert sich etwas, das ich nicht möchte. Ich kann versuchen, es rückgängig zu machen oder zu verhindern. Dafür brauchen wir einen roten Faden, der Orientierung gibt: Was ist sinnvoll, was nicht, und was verändert uns zum Negativen?

AlleSeiten: Sie haben Social-Media-Verbote bereits angesprochen. Auffällig ist, dass das Thema plötzlich in unterschiedlichen Ländern gleichzeitig diskutiert wird, obwohl die Probleme schon länger bekannt sind. Ich möchte vorsichtig den Vergleich zu Marihuana wagen: Ein Verbot hat nicht verhindert, dass es konsumiert wurde. Jugendliche sind zudem sehr kreativ darin, Bildschirmzeitbegrenzungen zu umgehen. Was können Verbote tatsächlich gegen Einsamkeit, Depressionen und Abhängigkeiten ausrichten? Oder dienen sie vor allem dazu, dass die Politik sagen kann, sie habe etwas getan?

Dr. Catherine Katzer: Zunächst lenkt die Debatte den Blick darauf, dass wir Social Media reduzieren müssen. Negative Auswirkungen erkennen wir inzwischen auch in längerfristigen Studien.

Schon 70 Prozent der Kindergartenkinder dürfen mittlerweile etwa eine halbe Stunde mit dem Handy der Eltern spielen. Dabei beschäftigen sie sich häufig nicht mit etwas gezielt Sinnvollem, sondern schauen Fotos oder Videos an. Studien zeigen Zusammenhänge zwischen einem sehr frühen Beginn der Smartphone-Nutzung und einer späteren Sprachentwicklung: Kinder wischen bereits mit dem Finger, entwickeln Laute aber deutlich später.

Auch die Fähigkeit, Mimik und Gestik zu verstehen, kann schlechter ausgebildet sein. Für Kommunikation muss ich erkennen: Was zeigt das Gesicht? Was machen die Hände? Lacht jemand, oder ist die Person traurig? Wenn jemand traurig aussieht, aber sagt, ihm gehe es gut, muss ich diesen Widerspruch wahrnehmen können. Wenn ich ihn nicht erkenne und deshalb einfach alles für in Ordnung halte, habe ich ein Kommunikationsproblem.

Wir müssen anerkennen, dass Social Media viel Schaden anrichten kann. Dazu kommen Wertevermittlung und die von Ihnen angesprochene toxische Männlichkeit sowie digitale Gewalt: Cybergrooming, Cybermobbing, Cyberstalking und Ähnliches.

AlleSeiten: Wie könnten sinnvolle Einschränkungen aussehen?

Dr. Catherine Katzer: Bestimmte Altersgruppen brauchen Einschränkungen. Ein Achtjähriger muss nicht auf TikTok sein. Ob das durch ein Verbot geschieht oder durch andere Smartphones, auf denen bestimmte Social-Media-Apps nicht nutzbar sind, ist eine weitere Frage.

Man könnte an Schulen auch mit einer Art Geofencing arbeiten, also den Zugang so begrenzen, dass Kinder nur die vorgesehenen Seiten aufrufen können. Wichtig ist zunächst die Einsicht, dass Einschränkungen sinnvoll sein können.

Interessant ist die Entwicklung in Schweden. Dort war die Bildung sehr digital: Alle hatten Tablets, Bücher wurden kaum noch gelesen. Inzwischen stellt man schlechtere Leistungen beim Lesen, bei der Konzentration, in Mathematik und Sprache fest. Die Antwort lautet nicht, alles Digitale zu verbieten. Aber Bücher werden wieder in die Schulen gebracht und gelesen. Auch mit der Hand soll wieder geschrieben werden. Handschriftliches Arbeiten ist für das Gehirn und die Entwicklung von Fähigkeiten wichtig.

Ein gutes Mittelmaß aus traditionellem Lernen und neuen Medien kann sinnvoll sein. Die Vorstellung, allein künstliche Intelligenz und der digitale Raum würden uns Wohlfahrt und alles Gute bringen, stimmt dagegen nicht.

AlleSeiten: Warum können digitale Reize uns so stark belasten?

Dr. Catherine Katzer: Unser Gehirn stammt gewissermaßen noch aus der Steinzeit. Wir haben kein KI-Gehirn. Es ist darauf ausgerichtet, Gefahrensituationen schnell wahrzunehmen und in Ausnahmesituationen zur Vorsicht zu mahnen.

Wenn wir im digitalen Raum durch Algorithmen nun unzählige Gefahrensignale und negative Botschaften erhalten, die wir kaum noch stoppen können und die auch gar nicht gestoppt werden sollen, kann sich das Gehirn in dieser negativen Spirale verfangen. Der emotionale Teufelskreis verstärkt sich.

Deshalb müssen wir Mechanismen entwickeln. Ob die Grenze bei unter 16- oder unter 14-Jährigen liegen sollte, muss man betrachten. Kann man Smartphones technisch so einrichten, dass bestimmte Plattformen nicht erreichbar sind? Könnte eine Altersprüfung etwa über das Hochladen eines Personalausweises erfolgen?

Sie haben recht: Kinder und Jugendliche können solche Maßnahmen umgehen, zum Beispiel mit dem Smartphone der Eltern. Den Zugang etwas schwieriger zu machen halte ich dennoch für sinnvoll. Gleichzeitig brauchen wir aber Prävention an den Schulen.

AlleSeiten: Was sollte diese Prävention vermitteln?

Dr. Catherine Katzer: Sie muss erklären, warum Einschränkungen vorgenommen werden, und vor allem, was Social Media und künstliche Intelligenz mit uns machen: mit unserer Psyche, Identität und Persönlichkeit, aber auch mit der Gesellschaft. Es geht um sozialpsychologische und cyberpsychologische Zusammenhänge.

In der Schweiz, wo ich mich gerade befinde, gibt es inzwischen in der fünften und sechsten Klasse ein Fach, das nicht nur Informatik vermittelt, sondern auch gesellschaftliche und politische Veränderungen durch KI und digitale Medien behandelt. So etwas brauchen wir aus meiner Sicht auch in Deutschland.

Kinder und Jugendliche sollen selbst erkennen können: Ich muss nicht immer auf TikTok sein. Das ist nicht alles so wichtig, schön oder sinnvoll. Nur zu verbieten halte ich für schlecht. Man muss erklären, warum man etwas tut, und Alternativen anbieten.

Schon vor einigen Jahren sagten Kinder und Jugendliche in britischen Studien, als Facebook noch die wichtigste Plattform war und es TikTok noch nicht gab: Facebook und ähnliche Angebote seien zwar prima, aber vielleicht wäre es auch gar nicht schlecht, wenn sie nie erfunden worden wären.

AlleSeiten: Können eigene Erfahrungen mit weniger Bildschirmzeit helfen?

Dr. Catherine Katzer: Ja. An manchen Schulen gibt es Detox-Experimente, bei denen Schülerinnen und Schüler ihre Smartphones für einen Monat abgeben. Zunächst finden sie das überhaupt nicht gut. Nach einer Woche stellen sie aber fest, dass sie andere Dinge unternehmen. Viele sagen: Wir reden wieder mit Leuten. Wir spielen nicht nur am Gerät und schreiben Nachrichten, sondern sprechen tatsächlich mit Menschen. Das empfinden sie als interessante, neue Erfahrung.

Unsere Generation hat noch gelernt, auf der Straße Menschen anzusprechen. Für manche junge Menschen ist das heute ungewohnt. Deshalb halte ich einen Mix für wichtig: erklären, warum eine eingeschränkte Nutzung sinnvoll sein kann, und gleichzeitig mit Jugendlichen ausprobieren, was sie selbst empfinden, wenn sie das Smartphone nicht benutzen oder bestimmte Apps löschen und vielleicht nach einem Monat wieder installieren.

Dieses digitale Bewusstsein in jedem Einzelnen zu fördern ist aus meiner Sicht entscheidend. Daraus kann auch eine kleine gesamtgesellschaftliche Veränderung entstehen.

AlleSeiten: Zum Abschluss möchte ich den Blick auf neue Technologien insgesamt richten. Facebook versprach, uns mit allen zu vernetzen. Im Rückblick sagen manche, vielleicht wäre es besser gewesen, es hätte die Plattform nie gegeben. Bei KI könnte es ähnlich laufen: Wir lassen sie zunächst Welt, Märkte und Alltag erobern und erkennen erst in zwei, fünf oder sieben Jahren die Folgen. Sollten neue Technologien, mit denen insbesondere Kinder in Berührung kommen, zunächst durch Ethikräte und interdisziplinäre wissenschaftliche Gremien geprüft werden?

Dr. Catherine Katzer: Das ist ein sehr wichtiger Aspekt. Medienethik sollte bei der Betrachtung künstlicher Intelligenz und neuer digitaler Werkzeuge eine wesentlich größere Rolle spielen. Wir müssen von Anfang an fragen, welche Auswirkungen von diesen Angeboten ausgehen können – auch welche negativen.

Mittlerweile gibt es Studien, denen zufolge ein Drittel der Kinder und Jugendlichen mit depressiven Symptomen versucht, seine Probleme über Chatbots zu lösen. Sie fragen nicht die Freundin, gehen nicht zu Lehrkräften oder Eltern, sondern wenden sich an künstliche Intelligenz im Netz.

Die eigene emotionale Situation wird also nicht mit realen Menschen besprochen, die man kennt und von denen man glaubt, dass sie es gut mit einem meinen. Stattdessen spricht man mit einer KI, die versucht, freundlich zu wirken.

AlleSeiten: Ist die emotionale Bindung an solche Systeme ein neues Phänomen?

Dr. Catherine Katzer: Nein, und das ist das Spannende. Schon in den 1960er-Jahren gab es ELIZA, ein Programm von Professor Joseph Weizenbaum am MIT. Er entwickelte es als Experiment. Im Wesentlichen stellte es Fragen: „Wie geht es dir?“ Die Person antwortete, und darauf folgte die nächste Frage.

Trotzdem entwickelten die Versuchspersonen eine emotionale Beziehung zu diesem Programm. Selbst seine Sekretärin soll sich am Wochenende eingeschlossen haben, weil sie Beziehungsprobleme hatte und ELIZA fragte, wie sie ihre Beziehung retten könne.

Die emotionale Bindung an ein Computerprogramm ist also nicht neu. Die heutigen Möglichkeiten sind aber ganz andere. Denken Sie zusätzlich an Deepfakes: Wir sehen künstlich geschaffene Personen vor uns, die aussehen wie Sie und ich.

Wenn Kinder und Jugendliche solchen Figuren vertrauen und das Gefühl haben, mit einem menschlichen Wesen oder einer Person zu sprechen, der sie ihre Probleme anvertrauen können, kann das problematisch werden – besonders wenn sie sich zugleich nicht mehr an ihre Familie oder andere Menschen aus dem analogen Leben wenden.

AlleSeiten: Was folgt daraus für die Entwicklung und Bewertung neuer Technologien?

Dr. Catherine Katzer: Mithilfe der Medienethik müssen wir versuchen, KI und neu entwickelte Werkzeuge besser einzuschätzen. Dabei geht es nicht nur um Verbote, sondern um die Frage: Wie wirken sich diese Systeme auf Menschen, Psyche und Gesellschaft aus? Wohin entwickeln wir uns, und wohin könnte die Entwicklung führen?

Dafür brauchen wir Ethikräte und Fachleute aus unterschiedlichen Disziplinen, die sich genau damit beschäftigen. Wenn wir das nicht tun, fällt es uns irgendwann auf die Füße, und wir fragen uns, welche Büchse der Pandora wir geöffnet haben.

Interessant ist, dass manche Entwickler, die in den 1960er- und 1970er-Jahren an vorderster Front an der Internettechnologie arbeiteten, heute sagen: Vieles hätten wir vielleicht besser nicht gemacht. Teilweise gehören sie inzwischen zu den größten Kritikern.

Wir sind aus meiner Sicht manchmal weniger zu offen als vielmehr zu unkritisch. Ein kritischer Blick ist wichtig, auch um mögliche Entwicklungen vorauszusehen. Dafür sollte man nicht sofort als Verneiner oder Negativist dargestellt werden.

AlleSeiten: Frau Dr. Katzer, herzlichen Dank für Ihre Zeit und Ihre Argumente. Sie haben diese Frage verständlicher gemacht und unser Weltbild ergänzt – vielleicht an manchen Stellen auch korrigiert.

Dr. Catherine Katzer: Ich danke Ihnen für das wunderbare Gespräch. Es ging gedanklich gelegentlich etwas auf und ab. Aber vielleicht ist es manchmal auch gut, wenn man sich in Gedanken ein wenig verstrickt.

AlleSeiten: Vielen herzlichen Dank.

Dr. Catherine Katzer: Ich danke Ihnen.

Ein Gespräch mit Dr. Catherine Katzer, Expertin für Cyberpsychologie sowie Medien- und Jugendforschung mit fachlichem Hintergrund in Volkswirtschaftslehre, Soziologie und Sozialpsychologie, über digitale Gewohnheiten, Identitätsentwicklung, Einsamkeit, Suchtverhalten und die Verantwortung im Umgang mit künstlicher Intelligenz.

  • Digitale Verbindung ersetzt keine menschliche Nähe: Soziale Medien prägen Identität und Werte, können aber auch Vergleichsdruck, Einsamkeit und problematische Rollenbilder verstärken.

  • Bewusste Nutzung braucht Übung und Begleitung: Katzer empfiehlt Selbstbeobachtung, analoge Begegnungen und altersgerechte Einschränkungen, verbunden mit Prävention und verständlichen Erklärungen.

  • Neue Technologien brauchen frühzeitige ethische Prüfung: Besonders bei KI und emotionalen Bindungen an Chatbots fordert sie eine fachübergreifende Bewertung der Folgen für Kinder, Psyche und Gesellschaft.


Dr. Catarina Katzer

Expertin auf dem Gebiet Cyberpsychologie-Verhalten, Emotionen und Denken im digitalen Zeitalter

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Reflexion beginnt bei jedem Einzelnen.

Ein Interview zwischen AlleSeiten-Mitgründer Leander und Prof. Dr. Angelika Beranek.

Das gesamte Interview findest du unter den weiterführenden Links.

Prof. Dr. Angelika Beranek

Sozialwissenschaftlerin, Professorin, Jugendarbeiterin, Medienpädagogin, Autorin, Speakerin

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Wir merken gar nicht, was Social Media uns wirklich kostet.


Dr. Ilona Bürgel

Diplom Psychologin, Vertreterin der positiven Psychologie - Referentin - Autorin & Coach, beste Expertise: Selbstfürsorge

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Warum üben soziale Medien so eine Faszination auf uns aus?

Prof. Dr. Mira Fauth-Bühler
Professorin für Wirtschaftspsychologie & Neuroökonomie FOM | Hochschulstudienzentrum Stuttgart
iwp Institut für Wirtschaftspsychologie

Warum üben soziale Medien so eine Faszination auf uns aus?

Es ist schwer, sich eine Welt ohne soziale Medien vorzustellen. Wir nutzen sie, um Freundschaften zu pflegen, uns zu informieren oder schlicht die Zeit zu überbrücken. Gleichzeitig wächst die Sorge, dass diese Plattformen nicht nur verbinden, sondern auch belasten – insbesondere unsere psychische Gesundheit.

Wir alle kennen das Phänomen: Manche Handlungen wiederholen wir so oft in denselben Situationen, dass sie sich fast automatisch einschleifen. Ein Blick aufs Smartphone in der Kaffeepause, ein schneller Swipe beim Warten auf den Bus – irgendwann passiert das ohne bewusste Entscheidung. In meinem Artikel Bad Habits habe ich beschrieben, wie solche Gewohnheiten entstehen: Durch Wiederholung in einem bestimmten Kontext verknüpfen sich äußere Reize mit einer Handlung und deren Belohnung (Fauth-Bühler, 2023). Gerade weil dieser Prozess unbewusst abläuft, sind schlechte Gewohnheiten so schwer zu durchbrechen.

Problematisch wird es, wenn diese Muster zunehmend das Verhalten dominieren. Dann können Gewohnheiten in suchtähnliche Verhaltensweisen übergehen. Soziale Medien liefern dafür perfekte Bedingungen: Schnelle, leicht verfügbare Belohnungen wie Likes, Nachrichten oder neue Posts verstärken die Nutzung immer wieder.

Neurobiologisch greifen hier ähnliche Mechanismen wie bei Glücksspielen oder Computerspielen: Jede Benachrichtigung, jedes Like löst einen kleinen Dopaminschub im Belohnungssystem unseres Gehirns aus. Studien zu Computerspiel- und Glücksspielstörung zeigen, dass beide mit vergleichbaren Veränderungen im Gehirn verbunden sind wie „Substanzsüchte“ (z.B. Alkohol, Nikotin) – etwa einer gesteigerten Aufmerksamkeit und Reaktivität gegenüber suchtrelevanten Reizen und Veränderungen in Belohnungs- und Kontrollsystemen (Fauth-Bühler & Mann, 2017a; Fauth-Bühler et al., 2017b). Übertragen auf soziale Medien erklärt das, warum wir uns in endlosen Scroll-Schleifen verlieren können – ein Zusammenspiel aus Triggerreizen, Belohnung, Gewohnheit und reduzierter Kontrolle das nur schwer zu durchbrechen ist.

Welche Rolle spielen Selbstwert und Selbstkonzept?

Neben neurobiologischen Mechanismen spielen auch psychologische Faktoren eine wichtige Rolle. Ein zentrales Motiv hinter der Nutzung sozialer Medien ist das Streben nach Anerkennung. Likes, Kommentare und Follower-Zahlen wirken wie kleine Belohnungssignale und können kurzfristig das Selbstwertgefühl stärken. In einer aktuellen Studie konnten wir zeigen, dass das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung sowohl direkt als auch indirekt über das Selbstwertgefühl mit problematischer Social- Media-Nutzung zusammenhängt (Eberle & Fauth-Bühler, 2025). Menschen mit geringem Selbstwert sind demnach besonders anfällig: Sie nutzen soziale Medien, um Bestätigung zu suchen – geraten dadurch aber leichter in exzessive Muster.

Meta-analytische Befunde bestätigen diesen Mechanismus: Intensive Social-Media- Nutzung geht im Durchschnitt mit einem niedrigeren Selbstwertgefühl einher. Besonders Jugendliche reagieren sensibel auf positives oder negatives Feedback: Während positive Rückmeldungen ihr Selbstkonzept stabilisieren, kann negatives Feedback den Selbstwert erheblich untergraben (Cingel et al., 2022). So kann ein Teufelskreis entstehen: Wer wenig Selbstvertrauen hat, sucht Anerkennung online – und riskiert dabei, sein Selbstwertgefühl weiter zu schwächen.

Wer ist besonders anfällig für problematische Nutzung?

Nicht alle Menschen reagieren gleich empfindlich. Besonders gefährdet sind jene, die Schwierigkeiten haben, Belohnungen aufzuschieben oder die stets das „Beste“ herausholen wollen. In einer aktuellen Studie konnten wir zeigen, dass genau diese psychologischen Eigenschaften mit problematischer Smartphone- und Social-Media- Nutzung zusammenhängen (Kohler & Fauth-Bühler, 2024). Entscheidend ist also nicht die reine Nutzungsdauer, sondern auch individuelle Risikofaktoren beeinflussen, wie Menschen mit sozialen Medien umgehen.

Welche psychischen Belastungen wurden in Studien gefunden?

Die Liste möglicher negativer Folgen ist lang: Zahlreiche Studien berichten über einen Zusammenhang zwischen intensiver Social-Media-Nutzung und erhöhtem Stress, schlechterem Schlaf, depressiven Symptomen und stärkerer sozialer Angst (siehe Holtwiesche & Fauth-Bühler, 2024 für einen Überblick). In einer internationalen Untersuchung mit Jugendlichen aus 29 Ländern zeigte sich zudem, dass insbesondere problematische Nutzung – etwa Kontrollverlust oder die Vernachlässigung anderer Aktivitäten – mit geringerer Lebenszufriedenheit und mehr psychischen Beschwerden einhergeht (Boer et al., 2020). Auch das Gefühl, ständig etwas zu verpassen – die „Fear of Missing Out“ (FOMO) – spielt eine zentrale Rolle. Studien zeigen, dass FOMO eng mit erhöhter Social-Media-Nutzung, Stress und schlechterem Schlaf verbunden ist (Elhai et al., 2016).

Welche Rolle spielen Gewaltinhalte?

Neben Stress, Schlafstörungen oder depressiven Symptomen darf auch ein weiterer Belastungsfaktor nicht übersehen werden: die Konfrontation mit Gewaltinhalten. Auf Plattformen wie TikTok, Instagram oder YouTube begegnen Jugendliche regelmäßig Fight-Videos, Hasskommentaren oder Bildern von realer Gewalt. Solche Inhalte können kurzfristig Angst und Stressreaktionen hervorrufen, langfristig aber auch zu einer Abstumpfung der Empathie beitragen. Die Fähigkeit, Mitgefühl oder Unbehagen angesichts des Leids anderer zu empfinden, kann nach wiederholter Exposition sinken. Besonders Jugendliche reagieren sensibel auf diese Eindrücke (für einen Überblick siehe Fauth-Bühler, 2025, in press).

Sind Jugendliche besonders gefährdet?

Ja – und zwar aus mehreren Gründen. Jugendliche mit psychischen Belastungen verbringen nicht nur mehr Zeit in sozialen Medien, sondern reagieren auch sensibler auf Rückmeldungen und soziale Vergleiche. Eine aktuelle Studie zeigt, dass insbesondere Jugendliche mit internalisierenden Störungen (z. B. Depression oder Angst) stärker auf Likes und Kommentare reagieren und häufiger soziale Vergleiche ziehen, was wiederum mit geringerer Zufriedenheit mit ihren Online-Freundschaften verbunden ist (Fassi et al., 2025).

Neurobiologische Befunde stützen diese Beobachtung: Das Belohnungssystem Jugendlicher reagiert besonders stark auf soziale Rückmeldungen, während die für Selbstkontrolle verantwortlichen Hirnregionen – insbesondere der präfrontale Kortex – noch nicht vollständig ausgereift sind. Diese unausgeglichene Entwicklung macht Jugendliche anfälliger für kurzfristige Belohnungen und erklärt, warum gerade sie leichter in exzessive, problematische Nutzungsmuster geraten können (McIlvain et al., 2025; Fauth-Bühler. 2023).

Welche Rolle spielen Algorithmen?

Soziale Medien sind nicht neutral. Algorithmen entscheiden, welche Inhalte wir sehen – optimiert darauf, unsere Aufmerksamkeit möglichst lange zu binden. Für Jugendliche kann das besonders riskant sein: TikTok-Algorithmen zeigen etwa Jugendlichen, die nach Fitness- oder Ernährungsthemen suchen, zunehmend extremere Inhalte, darunter auch gefährliche „Thinspiration“-Trends und Beiträge zu Essstörungen. Studien lassen vermuten, dass diese algorithmische Verstärkung das Risiko für problematische Körperbilder und Essstörungen deutlich erhöhen kann (Griffiths et al., 2024). Solche Mechanismen machen deutlich, dass nicht nur die Dauer, sondern auch die Art der Nutzung zählt – und dass Algorithmen psychologische Verletzlichkeiten gezielt verstärken können.

Sollten wir von einer „Sucht“ sprechen?

Die Forschung diskutiert intensiv, ob exzessive Social-Media-Nutzung als eigenständige Sucht klassifiziert werden sollte. Exzessives Verhalten erfüllt oft typische Suchtmerkmale: Kontrollverlust, Verlangen (Craving) und negative Auswirkungen auf Alltag und Beziehungen (Qasem & Fauth-Bühler, 2023). Dennoch ist der Krankheitswert bislang nicht eindeutig geklärt – die Gefahr einer „Überpathologisierung“ wird in der Wissenschaft weiter diskutiert.

Hier lohnt der Blick auf pathologisches Glücksspiel: Es wurde als erste Verhaltenssucht anerkannt, weil es neurobiologisch eng mit substanzbasierten Süchten verwandt ist (Mann et al., 2016; Fauth-Bühler, Mann & Potenza, 2017b). Ob soziale Medien denselben Status erreichen, ist noch offen – doch die Parallelen sind unübersehbar.

Gibt es auch positive Effekte?

Ja – soziale Medien können nicht nur belasten, sondern auch schützen und verbinden (für eine Übersicht siehe auch Fauth-Bühler, 2025 in press). Sie bieten Zugang zu Unterstützung in Krisen, schaffen Gemeinschaft für Menschen, die sich isoliert fühlen, und verbreiten Wissen über psychische Gesundheit. Besonders wirksam sind Inhalte, die Hoffnung und Bewältigungsstrategien vermitteln.

Darüber hinaus erleichtern soziale Medien es, Beziehungen zu pflegen, kreative Projekte zu teilen oder Selbsthilfegruppen zu finden. Vor allem prosoziale Inhalte – etwa persönliche Geschichten, Dokumentationen oder Solidaritätsbekundungen – fördern Mitgefühl, Hilfsbereitschaft und Gemeinschaftsgefühl (Greitemeyer et al., 2017; Ye et al., 2023). Bewegungen wie #MeToo oder #BlackLivesMatter zeigen eindrücklich, wie digitale Plattformen Solidarität verstärken und Empathie für Betroffene weltweit schaffen können.

Entscheidend ist also nicht, wie viel Zeit jemand online verbringt, sondern welche Inhalte konsumiert und in welchem sozialen Kontext sie genutzt werden. Authentische, konstruktive Beiträge haben das Potenzial, Empathie zu stärken – und sogar kollektives Handeln anzustoßen.

Was bedeutet das für Forschung und Gesellschaft?

Die Forschung zeichnet ein vielfältiges Bild: Exzessive Social-Media-Nutzung kann psychische Gesundheit belasten – aber nicht jeder Klick ist gefährlich. Entscheidend sind Intensität, Kontext und individuelle Risikofaktoren. Politisch wächst der Druck, Jugendliche besser zu schützen: Einige Länder haben Altersbeschränkungen eingeführt oder die Nutzung an Schulen reguliert. Für Eltern, Lehrkräfte und Fachkräfte gilt: Begleitung, Aufklärung und klare Regeln sind zentrale Schutzfaktoren.

Gleichzeitig müssen wir uns fragen, wie viel Verantwortung bei den Plattformen selbst liegt. Transparenz über Algorithmen und Verantwortung für Inhalte könnten die Risiken erheblich verringern. Für uns alle gilt: Medienkompetenz ist die beste Prävention. Kleine Strategien wie Benachrichtigungen ausschalten, feste Offline-Zeiten oder kurze „Digital-Detox“-Phasen zeigen positive Effekte auf Stimmung, Schlaf und Beziehungen (für eine Übersicht siehe Holtwiesche & Fauth-Bühler, 2024).

Fazit: Wie finden wir die Balance?

Soziale Medien spiegeln unsere Bedürfnisse nach Zugehörigkeit, Anerkennung und Information – sie können diese Bedürfnisse sowohl befriedigen als auch verletzen. Gerade Jugendliche und psychisch belastete Menschen sind gefährdet, exzessiv zu nutzen. Gleichzeitig bieten soziale Medien Chancen, wenn wir lernen, sie reflektiert zu gebrauchen.

Die Aufgabe der kommenden Jahre wird es sein, eine Balance zu finden: zwischen digitaler Verbundenheit und psychischer Gesundheit, zwischen individuellen Strategien und gesellschaftlicher Regulierung. Denn soziale Medien sind gekommen, um zu bleiben – die Frage ist, wie wir mit ihnen leben wollen.

Publikationen

  • Boer, M., van den Eijnden, R. J. J. M., Boniel-Nissim, M., Wong, S. L., Inchley, J. C., Badura, P., et al. (2020). Adolescents’ intense and problematic social media use and their well-being in 29 countries. Journal of Adolescent Health, 66(6), S89–S99.

  • Cingel, D. P., Carter, M. C., Cross, J. E., & Taylor, S. S. (2022). Social media, self- esteem, and well-being: A meta-analysis. Psychological Bulletin, 148(8–9), 657– 682.

  • Eberle, A., & Fauth-Bühler, M. (2025). Problematische Nutzung sozialer Medien, Bedürfnis nach sozialer Anerkennung und Selbstwert: Eine Mediationsanalyse Manuskript für Suchttherapie.

  • Elhai, J. D., Levine, J. C., Dvorak, R. D., & Hall, B. J. (2016). Fear of missing out, need for touch, anxiety and depression are related to problematic smartphone use. Computers in Human Behavior, 63, 509–516.

  • Fassi, L., Ford, T. J., Orben, A., Ferguson, A. M., & Przybylski, A. K. (2025). Social media use in adolescents with and without mental health conditions. Nat Hum Behav 9, 1283–1299.

  • Fauth-Bühler, M. (2023). Bad Habits: Die Gewohnheitsfalle und wie man ihr entkommt. Das In-Mind Magazin, 3. Link: https://de.in-mind.org/article/bad- habits-die-gewohnheitsfalle-und-wie-man-ihr-entkommt

  • Fauth-Bühler, M. (2025). Viral and harmful: Violence in media and its impact on empathy. In-Mind, in press.

  • Fauth-Bühler, M., & Mann, K. (2017a). Neurobiological correlates of internet gaming disorder: Similarities to pathological gambling. Addictive Behaviors, 64, 349–356.

  • Fauth-Bühler, M., Mann, K., & Potenza, M. N. (2017b). Pathological gambling: a review of the neurobiological evidence relevant for its classification as an addictive disorder. Addiction biology, 22(4), 885–897.

  • Greitemeyer, T., & Osswald, S. (2010). Effects of prosocial video games on prosocial behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 98(2), 211–221.

  • Griffiths, S., Harris, E. A., Whitehead, G., Angelopoulos, F., Stone, B., Grey, W., & Dennis, S. (2024). Does TikTok contribute to eating disorders? A comparison of the TikTok algorithms belonging to individuals with eating disorders versus healthy controls. Body Image, 51, 101807.

  • Holtwiesche, I., & Fauth-Bühler, M. (2024). Selbstfürsorge im digitalen Zeitalter: Wie wir gesund mit sozialen Medien umgehen können. Das In-Mind Magazin, 3. Link: https://de.in-mind.org/article/selbstfuersorge-im-digitalen-zeitalter-wie- wir-gesund-mit-sozialen-medien-umgehen-koennen

  • Kohler, S., & Fauth-Bühler, M. (2024). Das Smartphone als ständiger Begleiter. Sucht, 70(3), 143–153. Link: https://econtent.hogrefe.com/doi/10.1024/0939- 5911/a000876

  • Mann, K., Fauth-Bühler, M., Higuchi, S., Potenza, M. N., & Saunders, J. B. (2016). Pathological gambling: a behavioral addiction. World psychiatry: official journal of the World Psychiatric Association (WPA), 15(3), 297–298.

  • McIlvain, G., Clements, R. G., Magoon, E. M., Spielberg, J. M., Telzer, E. H., & Johnson, C. L. (2020). Viscoelasticity of reward and control systems in adolescent risk taking. NeuroImage, 215, 116850.

  • Qasem, R., & Fauth-Bühler, M. (2023). Erforschung exzessiver Smartphone- Nutzung: Empfehlungen zur Vorgehensweise. Sucht, 69(5), 305–314. Link: https:// econtent.hogrefe.com/doi/10.1024/0939-5911/a000813


Prof. Dr. rer. nat. Mira Fauth-Bühler

Professorin für Wirtschaftspsychologie & Neuroökonomie - Hochschulstudienzentrum Stuttgart

Angefragte Experten

Judith Balzukat

Angefragt am 20.04.2026

Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Angefragt am 18.08.2025

Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters (DZSKJ) - Andrea Lentfer

Angefragt am 18.08.2025

Experten im Voting

Experte

Dr. med. Michaela Glöckler

anthroposophische Kinder- und Jugendärztin

4/25